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Donnerstag, 15. September 2022

Notizen September 2022

Notizen September 2022 


Henning Mankell
 (1948 - 2015) 

Die weiße Löwin (1993)

Und wieder ein Wallander. Die weiße Löwin unterscheidet sich doch deutlich von den früheren Kriminalromanen Mankells und ist auch deutlich länger. Hier wird die "Krimi-Handlung" in den konkreten Kontext von historischen Entwicklungen, politischen Ereignissen mit Weltbedeutung gestellt und mein erster Reflex war, dass das ja nur zu Drecksunterhaltung a la Tom Clancy führen kann...und dann noch innere Monologe von Ministerpräsidenten und (heute vermutlich an der Grenze zur politischen Korrektheit) von Schwarzen Südafrikanern wiederzugeben - ich weiß nicht, welcher Autor sich das heute noch trauen würde. 
Aber m.E. macht Mankell das überraschend gut und vermeidet Seichtheit, Peinlichkeit und unfreiwillige Komik auf eine Weise, die ich fast nicht erklären kann...möglicherweise ist eine gewisse unbedingte Ehrlichkeit und große Empathie das Rezept, das dieses seltsame Konstrukt dann doch so liebenswert erscheinen lässt.
Die letzten Seiten enden dann doch in einem recht gewöhnlichen Thriller-Showdown.




Milo Hastings (1884 - 1957) 

City of Endless Night (1920)

Ein ganz bemerkenswerter Science Fiction Roman, unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs geschrieben.
Der Roman bietet viel mehr als nur die vordergründige Anti-Deutsche Propaganda: generelle Kritik an einem rein "wissenschaftlich" konzipierten Gemeinwesen und auch einen Ausblick auf die weltweite Auseinandersetzung mit dem kommunistischen Block "in Osten".
Interessant ist, dass 1919 offensichtlich schon viele Tendenzen der Deutschen Rassenlehre virulent waren und der Autor schon unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs von einer Bewegung spricht, von der ich angenommen hätte, dass sie in Amerika frühestens 5 - 10 Jahre später zu erahnen war.

Zitat: Chapter 1, Section 2
On rainy days I would sometimes take my favoured playmates into my
uncle's library where five great maps hung in ordered sequence on the
panelled wall.

The first map was labelled "The Age of Nations--1914," and showed the
black spot of Germany, like in size to many of the surrounding
countries, the names of which one recited in the history class.

The second map--"Germany's Maximum Expansion of the First World
War--1918"--showed the black area trebled in size, crowding into the
pale gold of France, thrusting a hungry arm across the Hellespont
towards Bagdad, and, from the Balkans to the Baltic, blotting out all
else save the flaming red of Bolshevist Russia, which spread over the
Eastern half of Europe like a pool of fresh spilled blood.

Third came "The Age of the League of Nations, 1919--1983," with the gold
of democracy battling with the spreading red of socialism, for the black
of autocracy had erstwhile vanished.

The fourth map was the most fascinating and terrible. Again the black of
autocracy appeared, obliterating the red of the Brotherhood of Man,
spreading across half of Eurasia and thrusting a broad black shadow to
the Yellow Sea and a lesser one to the Persian Gulf. This map was
labelled "Maximum German Expansion of the Second World War, 1988," and
lines of dotted white retreated in concentric waves till the line
of 2041.

This same year was the first date of the fifth map, which was labelled
"A Century of the World State," and here, as all the sea was blue, so
all the land was gold, save one black blot that might have been made by
a single spattered drop of ink, for it was no bigger than the Irish
Island.


Wolfgang Amadeus Mozart (1756 - 1791) 
In diesen Wochen faszinieren mich Mozart's Variationen...nachzuvollziehen wie er mit kleinen Melodien,sogar Kinderliedern umgeht und was er daraus macht...ist einfach ... faszinierend...

12 Variationen in C-Dur über das Lied „Ah, vous dirai-je, Maman“ (1781)

9 Variationen über ein Menuett von Duport KV 573 (1789)

Mittwoch, 18. Mai 2022

Notizen Mai 2022

Notizen Mai 2022




Henning Mankell (1948 - 2015)

Die Hunde von Riga (Hundarna i Riga) (1992)
Ja, ich muss gestehen, dass ich sofort zum nächsten Wallander Roman greifen musste, obwohl mir die Verstrickung des "einfachen Mannes" Kurt Wallander in internationale Intrigen doch etwas unglaubwürdig, gezwungen bombastisch anmutet...und schon in "Der Mann, der lächelte" angemutet hat.
Obwohl gerade das ein zentrales Element seiner Romane zu sein scheint, diese für Mankell offensichtlich so erschreckende Erfahrung, kein biedermeierlicher Mensch mehr sein zu können, der auf einer "Insel der Seligen" leben darf, sondern plötzlich auf einem international verwobenen Schlachtfeld zu stehen, unverständlich und an allem Bisherigen gemessen absurd anmutenden Entwicklungen ausgesetzt ... eine Erfahrung die viele europäische Bürger, mich eingeschlossen, irgendwo am Übergang der 1980er zu den 1990er Jahren machen mussten.
Hier trifft es eben den "kleinen, biedermeierlichen Polizisten", der angesichts dieser "Revolution" seinen Weg sucht, verzweifelt versucht, seine Integrität zu erhalten - mit all den damit verbundenen Krisen, Schmerzen, ja bis zur Grenze des persönlichen Untergangs.
M.E. ist das der zentrale Angelpunkt, der diese Romane für so viele Menschen so anziehend macht. 
Die "reine" Kriminalgeschichte, die in diesem Roman verpackt ist, scheint für Freunde des Kriminalromans vermutlich eher knapp, langwierig dargestellt, von Kapitel zu Kapitel fast ohne Fortschritt sich permanent im Kreis drehend.
Das zentrale Thema ist eben ein anderes: nicht die geradlinige Auflösung eines Doppelmordes im Milieu des Drogenhandels der Ost-Mafia, sondern die Entwicklung eines "kleinen Mannes", der in internationale Entwicklungen geworfen wird und daran beinahe zugrunde geht.

Henning Mankell (1948 - 2015)

Wallanders erster Fall (Pyramiden) (1999)
Die Vorgeschichte zur Romanserie rund um Wallander - von der Kritik oft als überflüssig und von minderer Qualität kritisiert, wird hier die Brücke zu Wallanders Anfängen als Polizist und bis in die 1960er Jahre und die damaligen gesellschaftlichen Veränderungen (in Folge der "68er Bewegung") geschlagen.
Wieder wird der alltägliche Mensch "Wallander" als in die Konflikte seiner Zeit geworfen gestellt - zum Beispiel als junger Polizist, dessen Auftrag es ist, Ausschreitungen rund um Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg Einhalt zu gebieten...und damit selbst in Gewissenskonflikte gerät, weil er diesen Krieg selbst ablehnt.
Eines seiner Motive, zur Kriminalpolizei zu wechseln, ist eben diesen Entwicklungen zu entkommen, den Auswirkungen, denen er als Polizist ausgesetzt ist ... der Leser seiner früheren Wallander Romane weiß aber, dass genau diese ihn immer wieder einholen werden.
Und darin liegt m.E. auch der eigentliche Reiz seiner "Kriminalromane"  - Wallander als exemplarischer/es Beobachter/Opfer der Veränderungen der europäischen Gesellschaft nach 1989 ... diesen Grundgedanken hat Mankell selbst im Vorwort zu dem Band zusammengefasst: