Sonntag, 22. August 2021

Notizen August 2021


Notizen August 2021


Anna Seghers, d.i. Netti Reiling (1900 - 1983)


Transit (1944)

Begonnen....

Andrew O'Hagan (*1968)

The Secret Life: Three True Stories of the Digital Age (2017)

Der erste Essay "Ghosting" über Julian Assange wirkt etwas planlos...man gewinnt den Eindruck des ständigen Umkreisens von Information oder Inhalt...ich gebe zu, immer wieder auf gehaltvolle Geschichten aus Assanges Leben gewartet zu haben...aber O'Hagan bleibt bei der Darstellung von Assanges "Grundkonflikt": offensichtlich wollte Julian Assange eine Autobiographie vorlegen, sich aber nicht auf Fakten aus seiner Lebensgeschichte festlegen lassen & und weiterhin als heldenhafte, ungreifbare Cyber-Legende durch die Geschichte spuken.
Daher ist dieser Essay eben arm an Fakten über die Hauptfigur & das von O'Hagan durchaus gewollt, aber für mit Assanges Biographie weniger vertrauten Lesern wie mir letzlich etwas unbefriedigend...nach über 100 Seiten... Meine Bedenken sind insofern zwar nicht gerechtfertigt, da es O'Hagan in erster Linie darum geht zu erklären, warum das Projekt einer Autobiographie Assanges gescheitert ist. Aber dieser lange Essay ist daher nicht sehr ... wie soll man sagen ... informativ oder unterhaltsam ... & klingt eher wie die Rechtfertigung des Scheiterns des Projekts Assanges Autobiographie zu "ghostwriten".
Die spärlichen Daten aus Assanges Leben, aus dutzenden Stunden Interviews gewonnen, sind - nie durch Assange autorisiert - eben woanders nachzulesen: im 2011 erschienenen Buch: Julian Assange - The Unauthorised Autobiography. 
Im dritten, kürzesten Abschnitt, "The Invention of Ronnie Pinn", berichtet O'Hagan von seinem Versuch mit der Identität eines 1984, im Alter von 20 Jahren verstorbenen Londoners eine neue Identität für "Online-Aktivitäten" zu konstruieren und in "Dark Web Waffen und Drogen zu kaufen: lesenswert, unterhaltsam, aber in keinem Detail überraschend oder neu.
Vermutlich der einzige Essay, den der Leser anhand des Titels dieser Anthologie erwartet. Essay Nummer 1 und 2 kreisen eher um die Besonderheiten bekannter "identitätsloser" Persönlichkeiten der bekannten Internet-Welt.
Während der erste Essay um Julian Assange und die gewollte Unfass-/Ungreifbarkeit dieser "Cyber-Legende" kreist, widmet sich Teil 2 dem bis heute ungeklärten "Identitätskonstrukt" Satoshi und im kurzen Essay Nummero 3 geht O'Hagan selbst daran, in einem Experiment eine Identität zu erschaffen...um damit etwas Unfug hart an und über der Grenze der Legalität anzustellen und diese "Person" dann wieder verblassen zu lassen.
Insgesamt ein stimmiges Konzept, wunderbar beobachtet, recherchiert und mit ebenso viel Witz und Empathie geschrieben, aber etwas lang(atmig) und sicher nicht das, was sich der Leser unter dem Genre "Enthüllungen geheimster Aspekte des Internets" erwartet.
Der Widerspruch hier besteht zwischen solidem & geistreichem schriftstellerischem Schaffen und reißerischer Punchline. 
Enttäuschung beim sensationslustigen Publikum vorprogrammiert.

Franz Schubert (1797 - 1828)

Sechs Moments musicaux D. 780, op. 94 (1823 - 1828)

C-Dur. Moderato
As-Dur. Andantino
f-Moll. Allegro moderato
cis-Moll. Moderato
f-Moll. Allegro vivace
As-Dur. Allegretto

z.B. Alfred Brendel, am Klavier: https://www.youtube.com/watch?v=0WDQL_X7Euk

Montag, 5. Juli 2021

Notizen Juli 2021

Notizen Juli 2021


Graham Greene (1904 - 1991)

The Honorary Consul (1973)
Graham Greene hielt diesen Roman für seinen besten. Die Begründung parallel dazu in "Ways of Escape" (1980) nachzulesen...Vom Handlungsverlauf ein neuer Anlauf rund um eine ähnliche Konstellation wie im in Indochina speilenden "The Quiet American" oder dem in Haiti angesiedelten "The Commedians" ... aber insofern weniger zynisch, weil die unliebsame Hauptfigur, mit dem der Leser das Romangeschehen erlebt (und der wohl die meisten "Erlebenselemente" Greenes "enthält") - Achtung "Spoiler" (!) - diesmal nicht davonkommt und ausnahmsweise nicht die Frau des betrogenen "Kontrahenten" bekommt.



Kazuo Ishiguro (*1953)

Klara und die Sonne (2021)
Ein großartiges Buch, schon so viel wurde dazu gesagt - leider häufig harsch kritisiert - nach meiner Überzeugung ungerechtfertigt, weil missverstanden.
Es geht meines Erachtens NICHT um die Darstellung von "Artificial Intelligence", wie im seichten Science Fiction Roman üblich, es geht nicht um den Aufstand der Maschinen, nicht um AI wie Skynet oder Ava in "Ex Machina" - es geht hier um Grundfragen des Menschen, Menschlichkeit, menschliche Beziehungen und menschliches Bewusstsein (wenn das auch recht pathetisch klingt, so formuliert) ...."AI" dient eher als Stilmittel in dieser Erzählung, als Kontrast.
Entschluss mir sehr bald "Never Let Me Go" vorzunehmen...

Donnerstag, 10. Juni 2021

Notizen Juni 2021

Notizen Juni 2021



Thomas Pynchon (*1937)

Bleeding Edge (2013)
Die endlosen "Mysterien von Paris" vorübergehend zur Seite gelegt und mit Bleeding Edge begonnen. Wieder einmal hin und hergerissen. So viel Alltagsschrott stößt mich ab - und schon 8 Jahre nach der Erstveröffentlichung und 20 Jahre nach 2001, dem Zeitpunkt der fiktiven Handlung, sind so viele Begriffe irrelevant, gar nicht mehr in Gebrauch, oft auch schon vergessen ... da bleibt  stellenweise das Gefühl der "irrelevanten Nostalgie" zurück, das sich einstellt, wenn man in alten Zeitschriften oder Lifestyle Magazinen blättert - ich weiß, das ist Pynchons Programm und wird als seine "postmoderne" Eigenart gepriesen, es "gibt keine Wahrheit", es gib keine kontextfreien oder gar überhistorischen bedeutungsvollen Inhalte. Insofern würde jede Kritik an diesem Punkt ins Leere gehen, so als ob man an einen Gemälde des abstrakten Expressionismus den Mangel eines erkennbaren Gegenstands kritisiert.
Ein wohlwollender Kritiker hat bei Erscheinen zu dieser augenscheinlichen Eigenart des Werks angemerkt: "Pynchon demonstrates how quickly the present becomes the unremembered past." Das erscheint korrekt - dennoch: Hätte sich Ovid, Wolfram von Eschenbach, Boccaccio oder sogar Thomas Mann in derartiger Breite in Details gewälzt, wäre die Lektüre ihrer Werke heute unerträglich oder sogar unmöglich.
Welchen Sinn hat es zum Beispiel über "Larry Ellisons" Segelboote zu schreiben, wenn kaum mehr ein Leser weiß, was das soll? 
Viele Abschnitte erscheinen heute so schal wie "Lifestyle Passagen" bei Bret Easton Ellis.

Und die Darstellung der "Reisen ins Deep Web" klingen fast so unfreiwillig komisch wie die Darstellung des "Internet 2021" im Film Johnny Mnemonic aus dem Jahr 1995.
Nein, ich bleibe dabei: niemand geht "im Internet spazieren" ... da sind und bleiben Text, Bilder und Videos. Nur, weil es auch VR gibt, ist eine Recherche "im Internet" keine Heldenreise in der Erscheinungsform von Spielen wie Doom. Das ist einfach lächerlich. Solche Darstellungen gestehe ich nicht einmal Künstlern aufgrund ihrer viel gepriesenen künstlerischen Freiheit zu - das klingt eher so wie Kinder, die absurde Vorstellungen von Sachverhalten haben, die sie noch nicht verstehen. Pynchons Darstellung des Deep Web klingt so wie die Erörterung eines fünfjährigen Kindes über das Kinder-Zeugen und -Kriegen.
Trotz alldem immer wieder unterhaltsam, ja, mehr als das, diese absurde Abfolge von Szenen, wie man sie aus Noir Krimis und Agententhrillern kennt, entwickelt immer wieder einen Sog, dem sich der Leser fast nicht entziehen kann - bis dann wieder die seltsamen Abenteuer einer New Yorker Mutter zu sehr an TV Serien der 2000er Jahre erinnern. Ein Aspekt, der wohl eher für gut geschulte Konsumenten amerikanischer Unterhaltungssendungen amüsant sein dürfte...Stellenweise wirken die Erlebnisse der "Privatdetektiv-Mutter" wie ein Traum Woody Allens im Drogenrausch.
Erfrischend an Bleeding Edge ist jedenfalls die Herangehensweise an dieses historische Ereignis, diese  Behandlung des traumatischen 11. September ganz ohne Pathos - sowohl im Individuellen als auch im gesellschaftlichen, nationalen Kontext der USA. Die Hauptakteurin Maxine erlebt das Geschehen "nur" in den Medien...ein überaus geschickter und geschmackvoller Zug.
Nach ungefähr zwei Drittel des Romans, mit Kapitel 30 scheint Pynchon dann hinter dem Vorhang hervorzutreten, mit einer Beschreibung der Reaktion des "offiziellen" Amerika auf die Ereignisse der 11. September, die so klingt als entspringt sie nicht den Gedanken der Akteurin Maxine, sondern den Überzeugungen des Verfassers.
Am glaubwürdigsten und am meisten authentisch erscheint Pynchons kritische Stimme aus dem Mund Ernies, Maxines Vaters - nicht zuletzt, weil dieser etwa in Pynchons Alter sein dürfte.
Bestimmt nicht Pynchons bestes Werk. 

Reprehensible ideas don’t disappear if you make them illegal, by driving them under the carpet you might feed them, or make them taboo ... I’d rather know the racist in the room.
Salman Rushdie 
(debate on the freedom of speech at the Dalkey Book Festival, 21.07.2014)

Mittwoch, 5. Mai 2021

Notizen Mai 2021

Notizen Mai 2021



Eugène Sue (Joseph-Marie Sue) (1804 - 1857)

Die Geheimnisse von Paris (1842 - 1843)
Ein monumentales Werk, hat in der deutschen Übersetzung eine Länge von beinahe 2000 Seiten.
Dieser Fortsetzungsroman hatte eine enorme Wirkung auf die Literatur des 19. Jahrhunderts - wird heute aber kaum mehr gelesen - höchstens aufgrund seiner "Gesellschaftskritik" vereinzelt diskutiert, scheint mir.
"Der Graf von Monte Christo" würde heute vermutlich genausowenig existieren wie Hugos "Les Miserables", hätte Sue nicht diesen Moloch als Fortsetzungsroman, der in ganz Europa für Furore sorgte, ins Leben gerufen.
Schon Karl Marx hat angemerkt, dass diese detaillierte Darstellung der Pariser Unter- und Halbwelt ihre Charaktere geradezu karikaturartig vorführt.
Jedenfalls unterhaltsam...





Algernon Blackwood (1869 - 1951)

Besuch von drüben (Sammlung von Erzählungen aus den Jahren 1899 - 1908)
– Der Horcher" ("The Listener", 1907)
– Die Spuk-Insel ("A Haunted Island", 1899)
– Besuch von Drüben ("Keeping His Promise", 1906)
– Gestohlenes Leben ("With Intent to Steal", 1906)
– Kein Zimmer mehr frei ("The Occupant of the Room", 1909)
– Ein gewisser Smith ("Smith: An Episode in a Lodginghouse", 1906)
– Seltsame Abenteuer eines Privatsekretärs in New York ("The Strange Adventures of a Private Secretary in New York", 1906)
– Griff nach der Seele ("A Psychical Invasion", 1908)


Johannes Brahms (1833- 1897)

3 Intermezzi für Klavier, Op. 117 (1892)
1. Andante moderato (E-Dur)
2. Andante non troppo e con molto espressione (b-Moll)
3. Andante con moto (c-Moll)

Dienstag, 6. April 2021

Notizen April 2021

Notizen April 2021



Graham Greene (1904 - 1991) 


The Third Man (1950) 
Obwohl ich den Film in meiner Jugend gesehen habe, kannte ich die Buchfassung noch nicht...und war sehr gespannt, aber begann das Werk mit geringen Erwartungen.
Durchaus lesenswert, und ist mir persönlich lieber als der Film, obwohl von Greene selbst nur als Ergänzung zum Filmskript betrachtet und als "Unterhaltung" klassifiziert.
Die "Humphrey Bogart" Figur Rollo Martins wirkt auf den ersten Blick altbacken - eben das Klischee des "Harten Mannes" aus dem Genre "Film Noir" der 1940er und 50er Jahre, aber der Charakter wird im Verlauf der Erzählung immer weiter persifliert - parallel dazu verpackt Greene Kritik an der modernen Literatur seiner Zeit in diesen durchaus spannenden Agenten-Thriller, indem er den Autor Martins, den Verfasser seichter Wildwestromane, der mit seiner Schriftstellerei einfach nur Geld verdienen will, mit einer literarischen Gesellschaft konfrontiert, die sich mit Bewunderung dem experimentellen Roman der Zwischenkriegszeit widmet. Wie so oft verweigert Greene auch hier eine einfache Bewertung, einen klaren Standpunkt - der Leser kann für sich entscheiden was das kleinere Übel ist: Der luftleere Raum "joyce'scher Experimente" oder der seichte Unterhaltungsroman, der rein dem Gelderwerb dient?
Und an dieser Stelle nimmt Greene sich nochmal selbst aufs Korn: Indem sich der seichte Unterhaltungs-Schreiberling bei der Gesellschaft der Verehrer hoher Kunst anbiedert, kann er sich einen finanziellen Vorteil verschaffen.
D.h. nicht nur die skrupellosen Machenschaften Harry Limes', sondern auch Rollo Martins Schriftstellerei kreisen um das Kernthema: wie lässt sich in einer von Armut und widrigen Bedingungen bestimmten Zeit Geld machen und wie weit ist ein Individuum bereit dafür zu gehen?

Bemerkenswert ist auch die Erzählperspektive: Der ermittelnde britische Polizeioffizier rekonstruiert die Geschichte nachdem der Fall abgeschlossen ist...

Und zum Abschluss ein Zitat, das wohl auch ebenso amüsant wie zeitlos erscheint:
"I’ve always hated policemen. They are always either crooked or stupid."

John Galsworthy (1867 - 1933) 

The Man Of Property (1906) 
Weiterhin ... komme langsam voran - aber auch heute noch interessant, weil bei aller Differenz zu diesen Typen bürgerlicher Familien, die nur mehr vereinzelt existieren dürften, diese Konstellation in menschlichen Verhältnissen, nämlich Menschen wie Gegenstände besitzen zu wollen immer noch ein wesentliches Thema der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts darstellt.


Gabriel Faure (1845 - 1924) 

Sicilienne op.78 (aus der Musik zu „Pelleas et Melisande“) für Violonchello & Klavier (1898)


Richard Strauss (1864 - 1949)

Stimmungsbilder op.9 – Fünf Stücke für Klavier (1884)


Richard Strauss (1864 - 1949)

Ständchen op.17 Nr.2 / Bearbeitung für Klavier (1886)
z.B.: https://www.youtube.com/watch?v=3aMMrPmx8cg (recht schnell gespielt)


Hölderlin (1770 - 1843)

Andenken (1803)
Der Nordost wehet,
Der liebste unter den Winden
Mir, weil er feurigen Geist
Und gute Fahrt verheißet den Schiffern.
Geh aber nun und grüße
Die schöne Garonne,
Und die Gärten von Bourdeaux
Dort, wo am scharfen Ufer
Hingehet der Steg und in den Strom
Tief fällt der Bach, darüber aber
Hinschauet ein edel Paar
Von Eichen und Silberpappeln;

Noch denket das mir wohl und wie
Die breiten Gipfel neiget
Der Ulmwald, über die Mühl,
Im Hofe aber wächset ein Feigenbaum.
An Feiertagen gehn
Die braunen Frauen daselbst
Auf seidnen Boden,
Zur Märzenzeit,
Wenn gleich ist Nacht und Tag,
Und über langsamen Stegen,
Von goldenen Träumen schwer,
Einwiegende Lüfte ziehen.

Es reiche aber,
Des dunkeln Lichtes voll,
Mir einer den duftenden Becher,
Damit ich ruhen möge; denn süß
Wär unter Schatten der Schlummer.
Nicht ist es gut,
Seellos von sterblichen
Gedanken zu sein. Doch gut
Ist ein Gespräch und zu sagen
Des Herzens Meinung, zu hören viel
Von Tagen der Lieb,
Und Taten, welche geschehen.

Wo aber sind die Freunde? Bellarmin
Mit dem Gefährten? Mancher
Trägt Scheue, an die Quelle zu gehn;
Es beginnet nämlich der Reichtum
Im Meere. Sie,
Wie Maler, bringen zusammen
Das Schöne der Erd und verschmähn
Den geflügelten Krieg nicht, und
Zu wohnen einsam, jahrlang, unter
Dem entlaubten Mast, wo nicht die Nacht durchglänzen
Die Feiertage der Stadt,
Und Saitenspiel und eingeborener Tanz nicht.

Nun aber sind zu Indiern
Die Männer gegangen,
Dort an der luftigen Spitz
An Traubenbergen, wo herab
Die Dordogne kommt,
Und zusammen mit der prächtgen
Garonne meerbreit
Ausgehet der Strom. Es nehmet aber
Und gibt Gedächtnis die See,
Und die Lieb auch heftet fleißig die Augen,
Was bleibet aber, stiften die Dichter.



Sappho (~630~612 - 570 v. Chr.)

Gebet an Aphrodite
Buntbethronte himmliche Aphrodita,
Tochter Zeus', Trugspinnerin, zu dir fleh' ich,
Lass dem Unmut, lasse dem Gram mein Herz nicht,
    Göttin, erliegen!

Sondern komm hierher, wenn du sonst auch jemals,
Meines Anrufs Stimme vernehmend, fernher
Hörtest, und, den goldnen Palast des Vaters
    Lassend, herabkamst.

Im geschirrten Wagen; dich fuhr der schöne
Schnelle Sperlingszug um die weite Erde,
Dich die Flügel schwingend, vom Himmel mitten
    Hin in dem Aether.

Und sie kamen eilig, und du, o Sel'ge,
Lächelnd mit unsterblichem Angesichte,
Fragtest, was ich wieder erlitten, was ich
    Wieder dich rufe;

Was ich im wahnsinnigen Mutvornehmlich
Will gewährt sehn. "Wessen begehrst du wieder,
Den dir Peitho führe zur Lieben? Wer, o
Sappho, wer kränkt dich?

Siehe, wenn er flieht, wird er bald verfolgen,
Wenn er sonst Geschenke nicht nahm, sie geben,
Wenn er nicht geküsst, wird er bald dich küssen,
Wolltest du selbst nicht."

Komm auch jetzo zu mir und lös' aus schweren
Sorgen mich, nach wessen Erfüllung aber
Sich das Herz mir sehnt, das erfüll', und selber
Hilf mir im Kampfe!


Novalis (1772 - 1801)

Hymnen an die Nacht
Erste Hymne

Welcher Lebendige, Sinnbegabte, liebt nicht vor allen Wundererscheinungen des verbreiteten Raums um ihn, das allerfreuliche Licht — mit seinen Farben, seinen Strahlen und Wogen; seiner milden Allgegenwart, als weckender Tag. Wie des Lebens innerste Seele atmet es der rastlosen Gestirne Riesenwelt, und schwimmt tanzend in seiner blauen Flut — atmet es der funkelnde, ewigruhende Stein, die sinnige, saugende Pflanze, und das wilde, brennende, vielgestaltete Tier — vor allen aber der herrliche Fremdling mit den sinnvollen Augen, dem schwebenden Gange, und den zartgeschlossenen, tonreichen Lippen. Wie ein König der irdischen Natur ruft es jede Kraft zu zahllosen Verwandlungen, knüpft und löst unendliche Bündnisse, hängt sein himmlisches Bild jedem irdischen Wesen um. — Seine Gegenwart allein offenbart die Wunderherrlichkeit der Reiche der Welt.

Abwärts wend' ich mich zu der heiligen, unaussprechlichen, geheimnisvollen Nacht. Fernab liegt die Welt — in eine tiefe Gruft versenkt — wüst und einsam ist ihre Stelle. In den Saiten der Brust weht tiefe Wehmut. In Tautropfen will ich hinuntersinken und mit der Asche mich vermischen. — Fernen der Erinnerung, Wünsche der Jugend, der Kindheit Träume, des ganzen langen Lebens kurze Freuden und vergebliche Hoffnungen kommen in grauen Kleidern, wie Abendnebel nach der Sonne Untergang. In andern Räumen schlug die lustigen Gezelte das Licht auf. Sollte es nie zu seinen Kindern wiederkommen, die mit der Unschuld Glauben seiner harren?

Was quillt auf einmal so ahndungsvoll unterm Herzen, und verschluckt der Wehmut weiche Luft? Hast auch du ein Gefallen an uns, dunkle Nacht? Was hältst du unter deinem Mantel, das mir unsichtbar kräftig an die Seele geht? Köstlicher Balsam träuft aus deiner Hand, aus dem Bündel Mohn. Die schweren Flügel des Gemüts hebst du empor. Dunkel und unaussprechlich fühlen wir uns bewegt — ein ernstes Antlitz seh' ich froh erschrocken, das sanft und andachtsvoll sich zu mir neigt, und unter unendlich verschlungenen Locken der Mutter liebe Jugend zeigt. Wie arm und kindisch dünkt mir das Licht nun — wie erfreulich und gesegnet des Tages Abschied — Also nur darum, weil die Nacht dir abwendig macht die Dienenden, säetest du in des Raumes Weiten die leuchtenden Kugeln, zu verkünden deine Allmacht — deine Wiederkehr — in den Zeiten deiner Entfernung. Himmlischer, als jene blitzenden Sterne, dünken uns die unendlichen Augen, die die Nacht in uns geöffnet. Weiter sehn sie, als die blässesten jener zahllosen Heere — unbedürftig des Lichts durchschaun sie die Tiefen eines liebenden Gemüts — was einen höhern Raum mit unsäglicher Wollust füllt. Preis der Weltkönigin, der hohen Verkündigerin heiliger Welten, der Pflegerin seliger Liebe — sie sendet mir dich — zarte Geliebte — liebliche Sonne der Nacht, — nun wach' ich — denn ich bin Dein und Mein — du hast die Nacht mir zum Leben verkündet — mich zum Menschen gemacht — zehre mit Geisterglut meinen Leib, daß ich lustig mit dir inniger mich mische und dann ewig die Brautnacht währt.


Rainer Maria Rilke: "Schon, horch..."
Georg Trakl: "Im Frühling"
Rainer Maria Rilke: "Fortschritt"
Rainer Maria Rilke: "Ach zwischen mir..."

Donnerstag, 18. März 2021

Notizen März 2021

 Notizen März 2021




John Galsworthy (1867 - 1933) 

The Man Of Property (1906) 
...begonnen. Ein Nobelpreisträger, der wohl in Großbritannien noch häufig gelesen wird, im deutschsprachigen Raum wohl kaum.



Harold Adrian Russell "Kim" Philby   (1912 - 1988)

My Silent War (1967) 
Wohl der berühmteste Doppelagent des Kalten Krieges aus Großbritannien. Sehr unterhaltsam zu lesen...mit gewaltiger Wirkung auf die Unterhaltungsliteratur des Genres "Agententhriller" (Le Carre, Forsythe, ...) und die Alltagskultur des 20.Jahrhunderts.


Franz Liszt

Années de pèlerinage I (Suisse)

1. Chapelle de Guillaume Tell (Wilhelm−Tell-Kapelle) - Liszts Motto: „Einer für alle – alle für einen.“
2. Au lac de Wallenstadt (Am See von Walenstadt bzw. Am Walensee) – Liszts Motto nach Byrons Childe Harolds Pilgrimage (Canto 3 LXVIII - CV): “Thy contrasted lake / With the wild world I dwell in is a thing / Which warns me, with its stillness, to forsake / Earth's troubled waters for a purer spring.”
3. Pastorale
4. Au bord d'une source (An einer Quelle) – Liszts Motto stammt von Schiller: „In säuselnder Kühle / beginnen die Spiele / Der jungen Natur.“
5. Orage (Sturm) – Liszts Motto nach Byrons Childe Harolds Pilgrimage (Canto 3 LXVIII - CV): “But where of ye, O tempests! is the goal? / Are ye like those within the human breast? / Or do ye find, at length, like eagles, some high nest?”
6. Vallée d'Obermann (Das Obermann-Tal) – Das erste Motto zitiert aus Senancours Briefroman Obermann die bedeutsamen Fragen: « Que veux-je? Que suis-je? Que demander à la nature? … ». Das zweite Motto stammt abermals aus Byrons Childe Harolds Pilgrimage: “Could I embody and unbosom now / That which is most within me,--could I wreak / My thoughts upon expression, and thus throw / Soul--heart--mind--passions--feelings--strong or weak-- / All that I would have sought, and all I seek, / Bear, know, feel--and yet breathe--into one word, / And that one word were Lightning, I would speak; / But as it is, I live and die unheard, / With a most voiceless thought, sheathing it as a sword.”
7. Eglogue (Hirtengesang) – Liszt stellt dem Stück mit der Überschrift Eglogue (Hirtengesang) / De l’expression romantique et du ranz du vaches einen Text aus Obermann von Senancour voran.
8. Le mal du pays (Heimweh)
9. Les cloches de Genève: Nocturne (Die Glocken von Genf: Nocturne)


Alessandro Marcello (1684~1750) 

Concerto per Oboe, Archi e Basso Continuo in re minore, SF 935 - Op.1 (1717)

Freitag, 5. Februar 2021

Notizen Februar 2021

Notizen Februar 2021




Joseph Conrad (1857 - 1924) 


The Heart of Darkness (1902) 
...wieder gelesen & wieder hin und hergerissen zwischen der Spannung die sich im Verlauf der kurzen Geschichte aufbaut und der Langatmigkeit des Werks.
Im Anschluss den Film "Apokalypse Now" aus dem Jahre 1979 angesehen - auch erstmals seit ca. 1989. Ich dachte, ich könnte im Alter einen wohlwollenderen Zugang zu diesem Film Scorseses finden, aber die übertriebene Bildersprache ab dem Überschreiten der Grenze zu Kambodscha zur Mitte des Films ist mir immer noch zuwider - mit den Lichterketten und Leuchteffekten...die im Camp von Kurtz überall herumliegenden Leichen und Körperteile sind auch zu sehr bemühtes "Inferno-Feeling". 

Interessant erscheint mir auch der Rassismus-Vorwurf Chinua Achebes in seinem Essay "An Image Of Africa".
Natürlich ist die Sprache, in der Conrad Afrikaner beschreibt heute inakzeptabel - sie spiegelt die Ignoranz seiner Zeit, den Horizont des Humanismus im Europa um 1900 wieder...Conrad Rassismus vorzuwerfen erscheint aber genauso unangebracht wie einem Angehörigen der Bantu im Uganda des Jahres 1900 Analphabetismus vorzuwerfen. 


Graham Greene (1907 - 1991) 

The Human Factor (1978) 
Ein wunderbares Buch. Galt weder Greene selbst noch seinen Kritikern als eines seiner besten Werke...ich muss gestehen, dass es mir aber eines der liebsten ist...es wirkt auf mich als wäre es einer seiner persönlichsten Texte.