Montag, 8. November 2021

Notizen November 2021

Notizen November 2021



(John) Anthony Burgess (Wilson) (1917 - 1993)


Earthly Powers (1980)
...begonnen & und vom ersten Kapitel an mitgerissen. An Zynismus und Wortwitz fast nicht zu übertreffen. 

Auch wenn der berühmte Eröffnungssatz als zu reißerisch kritisiert wurde - der Autor ist sich dessen bewusst, reflektiert und relativiert diesen Satz sofort.
Ebenso wie bei Gore Vidal verwundert dieser tiefgründige und facettenreiche Umgang mit Themen wie Homosexualität und religiösen Ressentiments im Angesicht der verbissenen, eindimensional evangelisierenden Zugangsweise unserer Zeit. Erfrischend unterhaltsam und auf so viel Ebenen zur Reflexion einladend.
Wobei sich mir die Frage aufdrängt, ob es heute vom akademischen Mainstream noch als "politisch korrekt" akzeptiert werden könnte, dass ein heterosexueller Mann (noch dazu einer, der öffentlich häufig konservative Überzeugungen vertreten hat) einen Roman mit einem homosexuellen Ich-Erzähler verfasst. Aber glücklicherweise kann man die Vergangenheit nur bedingt ändern und uns wurde dieses groteske Werk geschenkt, das durchaus Lesevergnügen beschert.
Eine unglaubliche Reise durch das 20. Jahrhundert, auf der viele "große" Themen auftauchen, u.a. die künstlerische Avangarde der Zwischenkeirgszeit, Homosexualität und die dazugehörige Szene - auf allen Gesellschaftsschichten, Welt & Werte des Katholizismus, das Aufkommen des Faschismus, Britischer Kolonialismus (am Beispiel Malaysias, wo Burgess als Lehrer selbst tätig war),  die Unterhaltungsbranche, die Vermarktung der Kunst, der Wandel der Rolle der Frau in der westlichen Gesellschast, und vieles mehr ... aber eben nicht dogmatisch, einseitig, naiv-aufklärereisch, sondern differenziert, oft bissig, zynisch ... zum Denken anregend, nicht uns das Denken abnehmend!

Anthony Burgess erlangte durch "A Clockwork Orange" Berühmtheit und inszenierte sich in den 1970er Jahren offensichtlich in den Medien als "großer Schriftsteller" ... in seinen Interviews und seiner Auseinandersetzung mit Graham Greene erschien er mir bisher eher als unliebenswürdiger Selbstdarsteller mit Alkoholproblem.
Sein Werk "1985" ist bemerkenswert, in seiner Ausrichtung aber doch etwas plump antisozialistisch.
Aber Earthly Powers erscheint mit als einer der bemerkenswertesten Romane der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Großartig, geradezu ein Umberto Eco, der beißen kann ... mit britischem Scharfsinn und Witz. 


Anthony Powell (1905 - 2000)


A Question of Upbringing (1951)
Leider parallel begonnen - der erste Band aus dem monumentalen Romanzyklus (1951 - 1975). Fesselnd vom ersten Absatz an...

Nun muss ich mir die folgenden Romane ebenfalls vornehmen:
A Buyer's Market (1952)
The Acceptance World (1955)
At Lady Molly's (1957)
Casanova's Chinese Restaurant (1960)
The Kindly Ones (1962)
The Valley of Bones (1964)
The Soldier's Art (1966)
The Military Philosophers (1968)
Books Do Furnish a Room (1971)
Temporary Kings (1973)
Hearing Secret Harmonies (1975)


Alessandro Scarlatti (1660 - 1725)

Dormi o fulmine di guerra, aus 
La Giuditta, Oratorium (1697)


Claudio Monteverdi (1564 - 1643)

Pur ti mio, Arie aus
L’incoronazione di Poppea, SV 308 (1643)


Lamento della Ninfa, 
aus "Madrigali guerrieri ed amorosi (1638)
(Ottavo Libro de' Madrigali)
I: Non havea Febo ancora
II: Amor, dicea
III: Si, tra sdegnosi pianti


Donnerstag, 30. September 2021

Notizen Oktober 2021

Notizen Oktober 2021


Gore Vidal  (1924 - 2012)

Myra Breckinridge (2019)
...begonnen...verwunderlich, dass dieses Werk heutzutage nicht mehr Beachtung findet - speziell vor in Anbetracht der starken Präsenz diverser Transgender und "Diversity" Themen. 
Gore Vidal war vor einem halben Jahrhundert einer der bekanntesten Autoren der Welt, Burgerschreck mit starker Präsenz in den US Medien, ähnlich wie Michel Houellebecq im Frankreich der 2000er Jahre.  
Soweit mir bekannt wurde dieser Roman seit über 30 Jahren nicht mehr in Deutscher Sprache aufgelegt...
Vermutlich ist das Werk zu satirisch, zu differenziert, zu wenig eindimensional, um heute noch Anklang finden zu können.
Schon auf den ersten Seiten voll von bösartigen Bonmots - sehr unterhaltsam. Mir ist schleierhaft, wie man diesen Text im Jahre 1970 verfilmen konnte -jedenfalls mit geringem Erfolg, aber mit damals prominenten Darstellern wie Raquel Welch, John Houston und Farrah Fawcett ...


Graham Greene (1904 - 1991)

Ways Of Escape (1973)
Wiederaufgenommen...Graham Greene "versteckt" sich hier beinahe hinter einer Abfolge von Kapiteln, die wie gesammelte Vorworte zu seinen Werken scheinen.
Das ganze wirkt daher, an der Kategorie Autobiographie gemessen, eher unpersönlich - wer aber Greenes Bücher gelesen hat und/mag und an einer Tour der Force durch die politischen Krisen und Krisenherde des 20. Jahrhunderts interessiert ist: definitiv lesenswert, für mich faszinierend.
Bei dieser Gelegenheit bin ich auf die Kritik des späten Anthony Burgess an Greene gestoßen...abgesehen von Burgess' abstoßender Angeberei, wer mehr Alkohol vertrüge und Unterstellungen in Hinsicht auf Greenes Verhältnis zum Doppelagenten Kim Philby hat die Geschichte offensichtlich zugunsten Greenes entschieden - Burgess kennt im deutschsprachigen Raum heute kaum noch jemand . und wenn, dann nur als Autor der Buchvorage zu Kubricks Film "A Clockwork Orange"... seinen Roman "Earthly Powers" und die malysische Trilogie plane ich jedenfalls zu lesen.



Emily Bronte (1818 - 1848)

Wuthering Heights (1847)
...begonnen...großartig und in der Monströsität der emotionalen Verhältnisse der (erweiterten) Familienmitglieder äußerst bemerkenswert und überraschend modern.
Bei aller äußerlichen Altertümlichkeit fasziniert vor allem der Wechsel in den Konstellationen zwischen den Individuen, die Entwicklung der Empfindungen zueinander - und das alles im besten Sinne mehr "beobachtend" als wertend dargestellt.
Wahrhaft lesenswert, jenseits seines "Ruhms" ein Klassiker der Englischen Literatur zu sein.







Norman Mailer (1923 - 2007)

The Deer Park (1955)
...begonnen...und hintangestellt, denn begonnen mit: 



Philippe Djian (*1949)

37,2° le matin, dt.: Betty Blue – 37,2 Grad am Morgen (1985)
Wieder so ein Buch, das ich in zur Zeit seiner Ersterscheinung in meiner Jugend (v.a. aufgrund des Hypes um dieses Werk und den Film) abgelehnt und mich zu lesen geweigert habe.
Gute 35 Jahre später ist das Werk abgelegen, der Lärm verhallt, ich toleranter geworden, bzw. etwas nostalgisch-sentimental...die Übersetzung in bundesdeutsche Alltagssprache hat aber immer noch Fremdschäm-Potential...diese "haste", "kannste", "biste", usw. Floskeln, um Umgangsspachlichkeit darzustellen sind mir einfach zu gezwungen, wirken unerträglich...egal, ich will nicht urteilen, bis ich die letzte Seite gelesen habe.
Offensichtlich ein Text, den Despentes gut kennt und ihm auch viel zu verdanken hat.
Am Ende bleibt dann doch der Überdruss an gekünstelten Formulierungen, wie dass sich "Stille wie Honig über den Raum ergoss" und dergleichen Unfug...solche Formulierungen finden sich mit ermüdender Regelmäßigkeit alle 3-10 Seiten. Schneller umgangssprchlicher Erzähl-Duktus...immer wieder unterbrochen durch diese gezwungen lyrischen Bilder.
Auch die Innenperspektive des Erzählers wirkt ähnlich unangenehm wie in Beigbeder's Un roman français - beständig stellt sich der Eindruck ein, dass die eigentlich treibende Kraft die Konflikte im Seelenleben eines (emotional) wehleidigen jungen Mannes sind, der, kaum der Selbstkritik fähig, sich permanent in seiner Innenperspektive verheddert.
Und dann diese "Crime - Thriller" Elemente, die in der französischen Literatur seit den 1960er Jahren so gern nach Vorbild des US-Kinos eingeflochten werden...einfach unerträglich.
Da meine Teenagerjahre in die 1980er Jahre fallen, bleibt mir aus subjektivem Empfinden doch ein  angenehm-wehmütige Nachgeschmack von Post-Punk "No Future" Lebensgefühl, das sich in teilweise gelungenen Passagen immer wieder dargestellt findet.
Ansonsten kann ich dem Buch auch heute noch nicht viel Positives abgewinnen...zugegeben mag viel daran auch an der deutschen Übersetzung liegen.

Montag, 6. September 2021

Notizen September 2021

Notizen September 2021



Zadie Smith (*1975)

Grand Union (2019)
Die Sammlung von Stories begonnen ... mit "Downtown". Eine Enttäuschung - so viel us-amerikanische Tagespolitik, so stark in journalistische Details verstrickt, dass es für den Europäer, der mit den Politskandalen der USA nicht so vertraut ist, etwas Recherche bedarf, um den Sinn hinter den Anspielungen auf Brett (Kavanaugh) und Dr. Ford zu verstehen...wie wird es erst dem Leser im Jahre 2119 ergehen...
Dann tauchen da wiederum sehr interessante und scharfsinnige Gedanken zu den Unterschieden der Wahrnehmung des eigenen Selbst zwischen Afroamerikanern, Menschen mit afrokaribischem Hintergrund und afrikanischer Herkunft im Angesicht des Erlebens rassistischer Gewalt auf...dann die stark abweichenden Aspekte afro-karibischer Frauen zum Thema Gewalt gegen Frauen...vieles schwingt da mit...teilweise kryptisch verpackte Gedanken, die in einem Essay didaktisch eindeutiger nachzuvollziehen wären, als in diese an Handlung armen "Geschichte"... es kann nur besser werden.

Zadie Smith (*1975)

Intimations (2020)
Belangloser Journalismus...so sehr ich Smith' Romane schätze...

Shades of Greene, Essay (2004)
Eine reicht positive Bewertung von Graham Greene durch die damals noch sehr junge Zadie Smith.

A Brexit Diary, Essay (2016)
Auffallend positiv ist der sehr differenzierte Blick aus mehreren Blickwinkeln und die häufig geäußerte Kritik an der unreflektierten Ablehnung jeglicher "Anit-Brexit" Haltung als einfache "Dummheit des ungebildeten Volkes.
Interessant ist auch der homorvolle aber selbskritische Hinweis, dass das wesentliche Betreben auch der "gebildeten" Klasse vor allem zu sein scheint, Recht zu haben.
Das Beispiel mit der Auflösung der Republik Jugoslawien am Ende des Essays ist m.E. allerdings missglückt. Korrekt ist, dass diese Auflösung teilweise von redikal nationalistischen Ideen befeuert wurde und in Kriege führte.
Ob das Leben für die Mehrzahl der Bürger der Nachfolgestaaten ein Viertel Jahrhundert nach dem Zerfall Jugoslawiens nicht deutlich besser ist, als in der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien, wäre aber schon bedenkenswert.
Und die Europäische Union im Zusammenhang des Auseinanderfallens mit der totalitären Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien zu vergleichen würde daher bedeuten, dass .... ?


Philip K. Dick (1928 - 1982)

We Can Remember It For You Wholesale (1966)
Die Vorlage für die beiden "Total Recall" Filme - der ältere Fil mwar da doch deutlich näher an der Kurzgeschichte, die aber eher arm an äußerer Handlung ist - und die zweite Handungsstrang mit der Erinnerung an die potentielle Invasion der Erde durch Aliens "in der Größe von Feldmäusen" fand in keinem der Filme Eingang...diese Phantasie des 9 Jährigen Douglas Quail rückt die ganze Story in einen völlig anderen Kontext als in den Filmen ausgedrückt wurde bzw. werden kann...


Jorge Luis Borges (1899 - 1986)

Der Unsterbliche (1947)
...


Luca Sorkocevic (1734-1789)

Symphonie Nr. 1 in D-Dur

Symphonie Nr. 3 in D-Dur

Symphonie Nr. 4 in F-Dur

Symphonie Nr. 5 in D-Dur

Symphonie Nr. 7 in G-Dur

Sonntag, 22. August 2021

Notizen August 2021


Notizen August 2021


Anna Seghers, d.i. Netti Reiling (1900 - 1983)


Transit (1944)

Begonnen....

Andrew O'Hagan (*1968)

The Secret Life: Three True Stories of the Digital Age (2017)

Der erste Essay "Ghosting" über Julian Assange wirkt etwas planlos...man gewinnt den Eindruck des ständigen Umkreisens von Information oder Inhalt...ich gebe zu, immer wieder auf gehaltvolle Geschichten aus Assanges Leben gewartet zu haben...aber O'Hagan bleibt bei der Darstellung von Assanges "Grundkonflikt": offensichtlich wollte Julian Assange eine Autobiographie vorlegen, sich aber nicht auf Fakten aus seiner Lebensgeschichte festlegen lassen & und weiterhin als heldenhafte, ungreifbare Cyber-Legende durch die Geschichte spuken.
Daher ist dieser Essay eben arm an Fakten über die Hauptfigur & das von O'Hagan durchaus gewollt, aber für mit Assanges Biographie weniger vertrauten Lesern wie mir letzlich etwas unbefriedigend...nach über 100 Seiten... Meine Bedenken sind insofern zwar nicht gerechtfertigt, da es O'Hagan in erster Linie darum geht zu erklären, warum das Projekt einer Autobiographie Assanges gescheitert ist. Aber dieser lange Essay ist daher nicht sehr ... wie soll man sagen ... informativ oder unterhaltsam ... & klingt eher wie die Rechtfertigung des Scheiterns des Projekts Assanges Autobiographie zu "ghostwriten".
Die spärlichen Daten aus Assanges Leben, aus dutzenden Stunden Interviews gewonnen, sind - nie durch Assange autorisiert - eben woanders nachzulesen: im 2011 erschienenen Buch: Julian Assange - The Unauthorised Autobiography. 
Im dritten, kürzesten Abschnitt, "The Invention of Ronnie Pinn", berichtet O'Hagan von seinem Versuch mit der Identität eines 1984, im Alter von 20 Jahren verstorbenen Londoners eine neue Identität für "Online-Aktivitäten" zu konstruieren und in "Dark Web Waffen und Drogen zu kaufen: lesenswert, unterhaltsam, aber in keinem Detail überraschend oder neu.
Vermutlich der einzige Essay, den der Leser anhand des Titels dieser Anthologie erwartet. Essay Nummer 1 und 2 kreisen eher um die Besonderheiten bekannter "identitätsloser" Persönlichkeiten der bekannten Internet-Welt.
Während der erste Essay um Julian Assange und die gewollte Unfass-/Ungreifbarkeit dieser "Cyber-Legende" kreist, widmet sich Teil 2 dem bis heute ungeklärten "Identitätskonstrukt" Satoshi und im kurzen Essay Nummero 3 geht O'Hagan selbst daran, in einem Experiment eine Identität zu erschaffen...um damit etwas Unfug hart an und über der Grenze der Legalität anzustellen und diese "Person" dann wieder verblassen zu lassen.
Insgesamt ein stimmiges Konzept, wunderbar beobachtet, recherchiert und mit ebenso viel Witz und Empathie geschrieben, aber etwas lang(atmig) und sicher nicht das, was sich der Leser unter dem Genre "Enthüllungen geheimster Aspekte des Internets" erwartet.
Der Widerspruch hier besteht zwischen solidem & geistreichem schriftstellerischem Schaffen und reißerischer Punchline. 
Enttäuschung beim sensationslustigen Publikum vorprogrammiert.

Franz Schubert (1797 - 1828)

Sechs Moments musicaux D. 780, op. 94 (1823 - 1828)

C-Dur. Moderato
As-Dur. Andantino
f-Moll. Allegro moderato
cis-Moll. Moderato
f-Moll. Allegro vivace
As-Dur. Allegretto

z.B. Alfred Brendel, am Klavier: https://www.youtube.com/watch?v=0WDQL_X7Euk

Montag, 5. Juli 2021

Notizen Juli 2021

Notizen Juli 2021


Graham Greene (1904 - 1991)

The Honorary Consul (1973)
Graham Greene hielt diesen Roman für seinen besten. Die Begründung parallel dazu in "Ways of Escape" (1980) nachzulesen...Vom Handlungsverlauf ein neuer Anlauf rund um eine ähnliche Konstellation wie im in Indochina speilenden "The Quiet American" oder dem in Haiti angesiedelten "The Commedians" ... aber insofern weniger zynisch, weil die unliebsame Hauptfigur, mit dem der Leser das Romangeschehen erlebt (und der wohl die meisten "Erlebenselemente" Greenes "enthält") - Achtung "Spoiler" (!) - diesmal nicht davonkommt und ausnahmsweise nicht die Frau des betrogenen "Kontrahenten" bekommt.



Kazuo Ishiguro (*1953)

Klara und die Sonne (2021)
Ein großartiges Buch, schon so viel wurde dazu gesagt - leider häufig harsch kritisiert - nach meiner Überzeugung ungerechtfertigt, weil missverstanden.
Es geht meines Erachtens NICHT um die Darstellung von "Artificial Intelligence", wie im seichten Science Fiction Roman üblich, es geht nicht um den Aufstand der Maschinen, nicht um AI wie Skynet oder Ava in "Ex Machina" - es geht hier um Grundfragen des Menschen, Menschlichkeit, menschliche Beziehungen und menschliches Bewusstsein (wenn das auch recht pathetisch klingt, so formuliert) ...."AI" dient eher als Stilmittel in dieser Erzählung, als Kontrast.
Entschluss mir sehr bald "Never Let Me Go" vorzunehmen...

Donnerstag, 10. Juni 2021

Notizen Juni 2021

Notizen Juni 2021



Thomas Pynchon (*1937)

Bleeding Edge (2013)
Die endlosen "Mysterien von Paris" vorübergehend zur Seite gelegt und mit Bleeding Edge begonnen. Wieder einmal hin und hergerissen. So viel Alltagsschrott stößt mich ab - und schon 8 Jahre nach der Erstveröffentlichung und 20 Jahre nach 2001, dem Zeitpunkt der fiktiven Handlung, sind so viele Begriffe irrelevant, gar nicht mehr in Gebrauch, oft auch schon vergessen ... da bleibt  stellenweise das Gefühl der "irrelevanten Nostalgie" zurück, das sich einstellt, wenn man in alten Zeitschriften oder Lifestyle Magazinen blättert - ich weiß, das ist Pynchons Programm und wird als seine "postmoderne" Eigenart gepriesen, es "gibt keine Wahrheit", es gib keine kontextfreien oder gar überhistorischen bedeutungsvollen Inhalte. Insofern würde jede Kritik an diesem Punkt ins Leere gehen, so als ob man an einen Gemälde des abstrakten Expressionismus den Mangel eines erkennbaren Gegenstands kritisiert.
Ein wohlwollender Kritiker hat bei Erscheinen zu dieser augenscheinlichen Eigenart des Werks angemerkt: "Pynchon demonstrates how quickly the present becomes the unremembered past." Das erscheint korrekt - dennoch: Hätte sich Ovid, Wolfram von Eschenbach, Boccaccio oder sogar Thomas Mann in derartiger Breite in Details gewälzt, wäre die Lektüre ihrer Werke heute unerträglich oder sogar unmöglich.
Welchen Sinn hat es zum Beispiel über "Larry Ellisons" Segelboote zu schreiben, wenn kaum mehr ein Leser weiß, was das soll? 
Viele Abschnitte erscheinen heute so schal wie "Lifestyle Passagen" bei Bret Easton Ellis.

Und die Darstellung der "Reisen ins Deep Web" klingen fast so unfreiwillig komisch wie die Darstellung des "Internet 2021" im Film Johnny Mnemonic aus dem Jahr 1995.
Nein, ich bleibe dabei: niemand geht "im Internet spazieren" ... da sind und bleiben Text, Bilder und Videos. Nur, weil es auch VR gibt, ist eine Recherche "im Internet" keine Heldenreise in der Erscheinungsform von Spielen wie Doom. Das ist einfach lächerlich. Solche Darstellungen gestehe ich nicht einmal Künstlern aufgrund ihrer viel gepriesenen künstlerischen Freiheit zu - das klingt eher so wie Kinder, die absurde Vorstellungen von Sachverhalten haben, die sie noch nicht verstehen. Pynchons Darstellung des Deep Web klingt so wie die Erörterung eines fünfjährigen Kindes über das Kinder-Zeugen und -Kriegen.
Trotz alldem immer wieder unterhaltsam, ja, mehr als das, diese absurde Abfolge von Szenen, wie man sie aus Noir Krimis und Agententhrillern kennt, entwickelt immer wieder einen Sog, dem sich der Leser fast nicht entziehen kann - bis dann wieder die seltsamen Abenteuer einer New Yorker Mutter zu sehr an TV Serien der 2000er Jahre erinnern. Ein Aspekt, der wohl eher für gut geschulte Konsumenten amerikanischer Unterhaltungssendungen amüsant sein dürfte...Stellenweise wirken die Erlebnisse der "Privatdetektiv-Mutter" wie ein Traum Woody Allens im Drogenrausch.
Erfrischend an Bleeding Edge ist jedenfalls die Herangehensweise an dieses historische Ereignis, diese  Behandlung des traumatischen 11. September ganz ohne Pathos - sowohl im Individuellen als auch im gesellschaftlichen, nationalen Kontext der USA. Die Hauptakteurin Maxine erlebt das Geschehen "nur" in den Medien...ein überaus geschickter und geschmackvoller Zug.
Nach ungefähr zwei Drittel des Romans, mit Kapitel 30 scheint Pynchon dann hinter dem Vorhang hervorzutreten, mit einer Beschreibung der Reaktion des "offiziellen" Amerika auf die Ereignisse der 11. September, die so klingt als entspringt sie nicht den Gedanken der Akteurin Maxine, sondern den Überzeugungen des Verfassers.
Am glaubwürdigsten und am meisten authentisch erscheint Pynchons kritische Stimme aus dem Mund Ernies, Maxines Vaters - nicht zuletzt, weil dieser etwa in Pynchons Alter sein dürfte.
Bestimmt nicht Pynchons bestes Werk. 

Reprehensible ideas don’t disappear if you make them illegal, by driving them under the carpet you might feed them, or make them taboo ... I’d rather know the racist in the room.
Salman Rushdie 
(debate on the freedom of speech at the Dalkey Book Festival, 21.07.2014)

Mittwoch, 5. Mai 2021

Notizen Mai 2021

Notizen Mai 2021



Eugène Sue (Joseph-Marie Sue) (1804 - 1857)

Die Geheimnisse von Paris (1842 - 1843)
Ein monumentales Werk, hat in der deutschen Übersetzung eine Länge von beinahe 2000 Seiten.
Dieser Fortsetzungsroman hatte eine enorme Wirkung auf die Literatur des 19. Jahrhunderts - wird heute aber kaum mehr gelesen - höchstens aufgrund seiner "Gesellschaftskritik" vereinzelt diskutiert, scheint mir.
"Der Graf von Monte Christo" würde heute vermutlich genausowenig existieren wie Hugos "Les Miserables", hätte Sue nicht diesen Moloch als Fortsetzungsroman, der in ganz Europa für Furore sorgte, ins Leben gerufen.
Schon Karl Marx hat angemerkt, dass diese detaillierte Darstellung der Pariser Unter- und Halbwelt ihre Charaktere geradezu karikaturartig vorführt.
Jedenfalls unterhaltsam...





Algernon Blackwood (1869 - 1951)

Besuch von drüben (Sammlung von Erzählungen aus den Jahren 1899 - 1908)
– Der Horcher" ("The Listener", 1907)
– Die Spuk-Insel ("A Haunted Island", 1899)
– Besuch von Drüben ("Keeping His Promise", 1906)
– Gestohlenes Leben ("With Intent to Steal", 1906)
– Kein Zimmer mehr frei ("The Occupant of the Room", 1909)
– Ein gewisser Smith ("Smith: An Episode in a Lodginghouse", 1906)
– Seltsame Abenteuer eines Privatsekretärs in New York ("The Strange Adventures of a Private Secretary in New York", 1906)
– Griff nach der Seele ("A Psychical Invasion", 1908)


Johannes Brahms (1833- 1897)

3 Intermezzi für Klavier, Op. 117 (1892)
1. Andante moderato (E-Dur)
2. Andante non troppo e con molto espressione (b-Moll)
3. Andante con moto (c-Moll)